Eigentlich hätte die Klasse 10a der Pestalozzi-Schule Pfedelbach in dieser Woche Potsdam und Buchenwald erkundet. Im Rahmen der Studienfahrt wären 21 Schülerinnen und Schüler in Sanssouci in die Geschichte Preußens eingetaucht, hätten sich in Schloss Cecilienhof über die Potsdamer Konferenz informiert und in der Gedenkstätte Lindenstraße, einem Stasi-Untersuchungsgefängnis, mit der neueren deutsch-deutschen Geschichte auseinandergesetzt. Buchenwald, in der Nähe von Weimar gelegen und eines der größten Konzentrationslager auf deutschem Boden, wäre die letzte Station der Fahrt gewesen.

In Zeiten von Corona sind Studienfahrten, die geschichtliche Themen lebendig werden lassen, darüber hinaus viel Raum für gemeinsame Erlebnisse lassen, leider nicht möglich.

Dass die Pandemie auch Chancen bietet zeigt ein Zeitzeugenbesuch in diesen Tagen im Geschichtsunterricht. Herr Eduard Steffl, Großvater eines Schülers, hatte sich bereiterklärt, den Schülerinnen und Schülern einen Teil seiner Lebensgeschichte näher zu bringen. Nur eben nicht vor Ort, sondern als gemeinsame Videokonferenz zusammen mit seinem Enkel.

Eduard Steffl, kurz Edi, wird am 01. September 1939, Tag des Ausbruchs des 2. Weltkriegs, in Tusch, Gemeinde Tweras, in Südböhmen geboren. Er verlebt mit seinen drei Geschwistern eine glückliche Kindheit auf dem Bauernhof der Familie. Noch gut erinnert er sich an den Metzger, der mit seinem Hundegespann durch den Ort fuhr und Krakauer-Würste verkaufte oder an das Dreschen des Getreides mit Maschinen.

Sein Vater erhält 1944 seinen Einberufungsbefehl nach Lettland. Als er den Hof verlassen muss, versteckt sich Edi mit seinem drei Jahre älteren Bruder, um den Abschied vom Vater zu vermeiden. Noch heute hört er die Rufe des Vaters, der seine Kinder gerne noch einmal gesehen hätte. Edi und sein Bruder verlassen erst nach Abreise des Vaters ihr Versteck. Nicht ohne dabei Eschensamen zu verteilen, die der große Bruder in seinen Hosentaschen trägt. Der Vater kam nur wenige Monate nach der Einberufung im Feld zu Tode. So sind die Eschen sind heute, 78 Jahre später, nicht nur stattliche Bäume, sondern insbesondere Erinnerung an den Augenblick des Abschieds.

Die 34 Jahre alte Mutter bleibt zunächst alleine mit den Kindern auf dem Hof zurück. 1946, Edi ist sechs Jahre alt, wird die Familie von ihrem Hof vertrieben. Maximal 40 kg Transportgut sind erlaubt, vieles muss zurückbleiben. Der Weg führt ins benachbarte Krummau in ein Sammellager. Die Situation vor Ort mit Läusen und Wanzen ist alles andere als angenehm. Für Edi ist insbesondere die erste Begegnung mit der Dampflok sehr beeindruckend. Als Kind erinnert er sich an die Vertreibung wie an einen Ausflug – obwohl die Fahrt in den fensterlosen Viehwaggons sicherlich alles andere als angenehm ist. Er erlebt den Verlust der Heimat anders, was die Situation erleichtert. Ziel der 40 Waggons mit insgesamt rund 1200 Personen ist das Grenzdurchgangslager Furth im Wald.

Anschließend führt ihn der Weg weiter nach Württemberg, wo Edi mit Mutter und Geschwistern in Künzelsau-Garnberg auf einem Bauernhof untergebracht wird. Es ist eine gute Zeit, die alle Beteiligten hier verbringen. Bis heute ist der menschliche Umgang mit Familie Steffl in guter Erinnerung – es hätte sie schlechter treffen können. 14 Jahre lang lebte die Familie auf dem Hof. Beruflich bedingt erfolgte später ein Umzug nach Pfedelbach, wo er bis heute mit seiner Frau wohnt.

 

Auf den Lebensbericht folgten beeindruckende Bilder: Nicht nur die Erlebnisse der Kindheit spiegelten sich darin wieder. Vielmehr wurde deutlich, was Vertreibung eigentlich heißt und welche Bedeutung dabei das Potsdamer Abkommen für die betroffenen Menschen hatte. Die Folgen der Vertreibung sind bis heute erkennbar: Viele Dörfer wurden nach 1945 von den Tschechen eingeebnet und sind nur noch aus der Luft erkennbar.

2009 berichtete die Hohenloher Zeitung von einem Geschichtsprojekt mit dem Gymnasium in Cesky Krumlov, das den zwischenzeitlich pensionierten Berufsschullehrer Steffl nicht zum ersten Mal zurück in die alte Heimat führte. Die eigene Spurensuche führte unter anderem auf den elterlichen Bauernhof zurück und ermöglichte die Begegnung mit den neuen Besitzern, einem italienischen Ehepaar. Weithin sichtbar: Die Eschen – Erinnerung an die Einberufung des Vaters.

Am Ende der Videokonferenz standen zahlreiche Fragen der Schülerinnen und Schüler. Dabei regten folgende Aussagen die Klasse zum Nachdenken an: „In der Not wächst man zusammen.“ – „Man musste auf vieles verzichten und war sehr genügsam. Das hat das weitere Leben sehr geprägt. Wer alles bekommt, ist schnell unglücklich.“ Aussagen, die sich auch auf die aktuelle Situation übertragen lassen.

Einigen diente die Unterrichtsstunde als Anregung, sich mit der eigenen Familiengeschichte der Nachkriegszeit näher auseinanderzusetzen – noch gibt es Zeitzeugen, die uns darüber berichten können. Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Steffl für seine Zeit mit uns. Sein Lebensbericht hat uns das Thema Vertreibung anschaulich nähergebracht und wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.

 

Gez. U. Müller, 07.05.2021